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 Betreff des Beitrags: Einführung in die Kritik der politischen Kultur
BeitragVerfasst: So 22. Feb 2009, 11:44 
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Registriert: Fr 26. Dez 2008, 08:51
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Die Kritik der politischen Kultur ist die Kritik der Kulturalisierung von Politik. Kulturell wirksam kann aber nicht Politik als solche sein. Es wäre lediglich Kulturpolitik, also das Verhalten eines politischen Willens in der Kultur. Kulturalisierung meint die Verfälschung von Politik, ihre Deformation zu einer Kulturtatsache und Kulturnotwendigkeit, ihre Inszenierung als kulturell notwendige Haltung und Handlung. Diese bezieht sich auf gesellschaftliche Wirklichkeit nur in der Form, wie diese kulturell wahrgenommen wird, wie sie sich in die Lebensgewohnheiten der Menschen einpasst, auf ihre Gefühle wirkt.
Es genügt, den Verstand zu gebrauchen, um solche Kulturalisierung zu kritisieren, solange die Gefühle der Menschen sich auf ihre Wirklichkeit auch unmittelbar beziehen lassen. Wenn aber die Kultur alleine ihre wirklich wahrnehmbare Welt ist und von daher ihrer Wahrnehmung auch wirklich entspricht, so entsteht eine Logik von eigener Art: Es ist die Logik einer Wahrnehmung, die einer politischen Absicht entspringt und politisch auch auf die Wahrnehmung wieder zurückkommt, eine Logik, die sich alleine um die Wahrnehmung selbst bewegt, weil und sofern sich die politische Wirklichkeit auch nur durch sie zu bestimmen scheint. Solches ist beispielsweise in Gang, wenn in Krisenzeiten vom “Untergang des Abenslandes” oder von einem “Clash of Civilization” durch einen “Kampf der Kulturen” die Rede ist, weil und sofern die Krise nur kulturell wahrnehmbar ist.
Die Kritik der politischen Kultur ist die Kritik der politischen Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung in einem. Im Grund genommen ist es die Kritik an einem Wahrnehmungsverhältnis, in welchem sich politische Absichten ästhetisch präsentieren, die Kritik eines Verhältnisses, worin sich Politik als Kulturmacht der Wahrnehmung durchsetzt, die Kritik politischer Ästhetik.
Die Kritik einer politischen Ästhetik unterstellt ein gesellschaftliches Verhältnis ästhetischer Wirkungen, gegen welche sich eine solche Kritik überhaupt verhalten kann. Das unterstellt, dass die Menschen selbst sich dadurch aufeinander beziehen, dass sie sich in ihrer Wahrnehmung beeindrucken, dass sie in den Reizen, welche sie wahrnehmen, auch wirklich gesellschaftliche Beziehungen eingehen, dass sie hierüber eine eigenständige Wirklichkeit erzeugen, die von der ihrer wirklichen Existenz unterschieden ist, dass sie sich zwischenmenschlich anders wahrnehmen als in der Wirklichkeit, die sie existenziell wahrhaben. Und das bedeutet, dass sie sich durch ihre zwischenmenschlichen Wahrnehmungen von der Wirklichkeit ihrer Existenz entfremden.
Das klingt zunächst mal ähnlich wie bei Adorno, als ob die Menschen sich in einem “Verblendungszusammenhang” befänden, als ob sie an ihrem “wahren Leben” vorbeileben würden, einfach nur einem Fetisch unterliegen, den sie nicht aufheben wollen, weil eine "Kulturindustrie" diesen nutzt, um ihre Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung zu verfälschen, um sie per Kulturstimulanzien bei Laune zu halten.
Es geht aber nicht um äußere Kulturmächte, welche die Menschen aus bloß wirtschaftlichem Interesse heraus verblenden würden. Es geht nicht darum, sie für "bestochen" zu erklären, ihnen ihre Wahrnehmung vorzuwerfen. Es geht darum, dass die Kultur ein wirkliches Lebensverhältnis dort ist, wo sie als Kultur eigenständig und getrennt von ihrer wirtschaftlichen Grundlage erscheinen kann, weil sie auch in Wirklichkeit hiervon getrennt ist, weil sie sich selbst bewirtschaftet, selbst wirkliches Kapital ist. Sie ist dort nicht einfach eine Scheinwelt, nicht ein Überbau, der einen Schleier über die Verhältnisse der Arbeit legt, sondern ein wirkliches Lebensverhältnis, das sich nicht mehr durch die menschliche Arbeit hervorbringt und entwickelt, weil es aus den zwischenmenschlichen Beziehungen der Menschen selbst besteht, die auf dem Kapitalverhältnis gründen.
Das Kapitalverhältnis als solches ist ein Verhältnis toter Lebenszusammenhänge, ein Widerspruch des Lebensinteresses selbst. Was darin sich ereignet, ist nur für sich lebendig, Wahrheit, die keine Gegenständlichkeit hat und also für die Wahrnehmung selbst ein einziger Widerspruch sein muss. Es geht also letztlich darum, den Widerspruch zu begreifen, der in der Wahrnehmung einer Wirklichkeit verläuft, die nicht wahrnehmbar ist, weil sie als etwas erlebt wird, was nicht wirklich wahr sein kann.


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