Emanuel hat geschrieben:
Anscheinend gibt es zwei verschiedene Zwecke: das eine Mal ist es der Zweck, ein Gewaltverhältnis zu verschleiern und Herrschaft zu stabilisieren. Das andere Mal ist der Rassismus aber aus der Not begründet, in die allgemein die Gesellschaft geraten ist.
Ist das dasselbe? Ist das letztere nicht eigentlich der Antisemitismus?
Ich sehe das so, dass das Interesse an der Verschleierung eines Gewaltverhältnisses die strukturelle Reaktion einer gesellschaftlich evidenten Not ist, es daher letztlich Staatsinteresse ist, die Ursachen dieser Not zu verschleiern. Dennoch wird der so erwirkte Schleier durchaus von in sich verworfenen, von sich selbst verlassenen Menschen übernommen, wenn sie hierdurch persönliche Identität gewinnen können und von daher staatsgläubigen werden. Sie intergrieren sich in ein abstraktes Sozialwesen, um sich selbst und ihr Leben besser aushalten zu können, um ihrem Leben einen abstrakten Sinn zu verleihen, den sie selbst nicht konkret leben können.
Um dies dann auch in der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu vollziehen, wird erst mal die gesellschaftliche Not naturalisiert, also mit einer quasi natürlichen Begründung bedacht (z.B. soziale Krisen sind Produkte der Überbevölkerung, es gibt hier zu viele Menschen, "das Boot ist voll"). Und dann werden die "natürlichen" Maßstäbe der Problemüberwindung bestimmt: Die "gesellschaflich nützlichen Menschen" werden von den unnützen unterschieden, um durch kulturelle oder natürliche Eigenschaften die Menschen zu bestimmen, die schlechter bedacht oder ganz ausgegrenzt werden sollen. Als erstes werden alle Integrationsmechanismen (z.B. Therapie von "Geisteskranken") eingeschränkt oder unterbunden (ist ja dann auch Kostenersparnis), um deren Elend dann durch Rassismus der allgemeinen Wahrnehmung zu entziehen. Tatsächlich hat sich im Antisemitismus der Nazis auch ein rein wirtschaftliches Gewinninteresse versteckt: Durch die Enteignung der Juden wurden große Werte unter der Hand angeeignet und Industrie und Bankkapital vom Staat übernommen. Außerdem lag es im Interesse der neuen Machthaber, hohe Schulden aufzunehmen, die nicht zurückgezahlt werden sollten, damit "das Volk" der Zukunft unbelastet entgegen sehen konnte. "Sieg Heil" war also ein Schlachtruf der Zechpreller, die sich in diesem Sinne antikapitalistisch verstanden haben.
Der Heilsbegriff selbst ist doppelbödig. Er war zum einen Heilungsbegriff und wandte sich vor allem gegen die sozial Randständigen, die "unnötigen Kosten". Der Antisemitismus sollte die Gründe der sozialen Krisen dem Judentum zuweisen und wollte "das Übel an der Wurzel packen und herausreißen". Sozial gesehen sollte er Gewalt und Disziplin begründen.
Emanuel hat geschrieben:
Ist ein "restauratives Machtinteresse" und eine "Ursprungssehnsucht" dasselbe? Hatten die Griechen eine "Ursprungssehnsucht"?
Die Ursprungssehnsucht halte ich für eines der subjektiven Momente, die aus der Sozialgeschichte hervorgegangen sind und zur objektiven Begründung des rassistischen Machtinteresses hergenommen wurden, wie z.B. auch die "Dolchstoßlegende". Solche Inhalte selbst sind nicht unmittelbares Machtinteresse, können das nicht begründen und verwirklichen sich nicht unbedingt als "restauratives Machtinteresse" (vergl. z.B. die Ursprungsromanzen des König Ludwig, der Wandervögel usw). Aber die Selbstverliebtheit solcher Romanzen ist reaktionär und will die Selbstbezogenheit überhöhen und veredeln. Von daher kann sie von Machtinteresse leicht instrumentalisiert werden und in reaktionärem Populismus aufgehen, besonders wenn diese Sehnsucht sich massenhaft mit der von "unheilen Persönlichkeiten" deckt.