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 Betreff des Beitrags: Wie entsteht Rassismus?
BeitragVerfasst: Di 13. Jan 2009, 10:29 
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Registriert: Fr 26. Dez 2008, 08:51
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Rassismus ist zunächst die Verwendung von natürlichen, sozialen oder kulturellen Eigenschaften von Menschen, um diesen eine kulturelle Wesensgemeinschaft zuzuweisen, die damit "sortierten Menschen" zu Menschen einer bestimmten Art zu machen, sie von sich abzutrennen, um eine besondere Art des Menschseins durch kulturelle Eigenschaften von Menschen zu begründen, die in ihrer Wesensart als Wesensgemeinschaft von anderen solchen Gemeinschaften unterschieden sein soll.
Es handelt sich bei Rassismus daher nicht um eine reine Etikettierung, um eine Stigmatisierung von Menschen (z.B. als Homosexuelle oder Verrückte). Das wesentlich Treibende daran ist der Grund, warum dies gemacht wird: Die Herabsetzung einer gruppierten Art durch soziale Klischees, die Erzeugung einer menschlichen Art von minderem Wert, die Erzeugung einer Abart, welche die eigene Art aufwertet, ihr "höheres Recht" zustellt. Der Zweck des Rassismus ist unmittelbar politisch. Er will ein konfliktreiches Sozialwesen dadurch "bereinigen", dass er es durch rassistische Bewertung spaltet und die Menschen darin manipulierbar für "höher gesetzte Ziele" werden.
Mit dem Rassismus wird also eine allgemeine Ausgrenzung von Menschen durch bestimmte Phänomene erzeugt, um sich von ihnen zu unterscheiden, um sich über sie zu stellen und eine Abtrennung von ihnen zu erzeugen, um also sich durch deren Aussonderung aus den eigenen Lebensbelangen zu veredeln, und aus den hierdurch konstituierte Werten ein besonders Recht abzuleiten.
Diese Selbstveredlung verfolgt grundlegende Zwecke: Zunächst die der Spaltung einer bisher ungetrennten Gesellschaft in gegensinnig bestimmte Arten, wodurch die eine dadurch besonders artig, wertvoll wird, dass die andere unartig, entwertet wird.
Rassismus verfolgt politische Bewertungsinteressen vermittelst kultureller Eigenschaftsbestimmungen, die als Werturteile und damit moralisch zur politischen Anwendung kommen. Rassismus verfolgt also eine Politik vermittelst kultureller Substanz. Dies macht es nötig, kulturelle Eigenschaften, Sitten, Gepflogenheiten, Religionen usw. so zusammenzutragen, dass darin ein Kulturwesen von eigener Art, am besten ein Kulturmonster entsteht.
Es spielt dabei die eigene Kulturgeschichte eine wertbestimmende Rolle. So kulturalisierten z.B. die Griechen alle Rothaarigen zu Untermenschen, weil sie die aus Galien eingeführten Kelten als Sklaven sich dienstbar machten und deren Unterwerfung durch diese "Wesensbeschaffung" einen quasi natürlichen Wert hergab, der die realen Gewaltverhältnisse damit verschleiert und also auch vergessen lassen konnte. Mit der Wesensunterscheidung der Rasse konnten die Untermenschen als solche "menschlich integriert", eben als Untermenschen auch wirklich sozial funktional werden. Ähnlich verhielt es sich in den USA mit den afrikanischen Sklaven, den "Negern". In Deutschland waren es "die Juden", aus deren religiösen Texten Bestrebungen hergenommen wurden, welche den gesellschaftlichen Niedergang des Kapitalismus durch Schacher "erklären" und damit einen Kulturstaat begründen sollte, der Zerstörung bannen und die Gesellschaft - als Volkskörper mit Volksseele bedacht - zum Heil führen wollte. Für Israel sind es die Palästinenser geworden, die vermittelst islamischer Texte und Kulturattribute zu Kulturmonstern verallgemeinert wurden, um die Besetzung ihres Landes vergessen zu machen.
Über die "Wahrheit" der auf diese Weise gefundenen Kulturmerkmale nachzudenken, ist müßig, weil nur die politische Absicht, die sie zu ihrer Verwertung nutzt, wahr sein kann.


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 Betreff des Beitrags: Re: Wie entsteht Rassismus?
BeitragVerfasst: Di 13. Jan 2009, 16:32 
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Registriert: Fr 26. Dez 2008, 08:51
Beiträge: 22
Rassismus entspringt einem restaurativen Machtinteresse, aus einer Ursprungssehnsucht, welche sich aus den ökonomischen Verhältnissen herausgesetzt hat. Von da her hat er unmittelbar nichts mit Ideologie oder Religion zu tun. Religiöser Fanatismus mag ihm zwar ähnlich scheinen, hat aber vollständig andere Quellen und Ziele. Er bezieht sich nicht auf Bewertungen, die in der Geschichte als Begriffe entstanden sind, sondern auf begrifflich gefasste Werte, die anstelle einer Kritik der Selbstunterscheidung dienen,
Soziale Stigmatisierung durch vereinseitigende Begriffe (z.B. Hetze gegen "Geisteskranke" oder Homosexuelle) ist das Mittel optimaler Selbstunterscheidung, bei der zwar auch vermittelst Selbstveredelung Abstand geschaffen wird. Aber diese Hetze ist nicht wirklich unmittelbar politisch, sondern sucht eine "Egomanie", eine "zirkuläre Subjektivität", zu verallgemeinern, um einer allgemein Individuellen Infragestellung zu entgehen. Die kann natürlich auch zu Rassismus führen oder selbst dessen Energie liefern. Aber als bloße Hetze befriedet es nur so etwas wie jene "innere Unruhe", die Selbstverlust mit sich bringt. Soziale Stigmatisierung ist von daher ein sozialpsychologische Phänomen. Es kann von Machtpolitik allerdings genutzt werden, wenn die Menschen sich selbst nur noch umittelbar politisch erleben. Dennoch bleibt die bloße soziale Hetze nur ein Abgrenzungsmechanismus gegen Selbstverunsicherung und ist eher ein Phänomen der Ohnmacht.
Das allerdings schlägt leicht um in offenen Rassismus, wenn die so gewonnene Selbstbehauptung politische Kraft dadurch erhält, dass sie die eigene Ohnmacht auch politisch aufzulösen verspricht. Das funktioniert dann auf politisch gewollten Kulturunterscheidungen und der Politisierung kultureller Inhalte, indem sie mit politischen Inhalten identifiziert werden. Religionen eignen sich hierfür besonders, z.B. die christliche mit ihrem Erlösungskult, die jüdische mit ihrem Vergeltunsgskult oder die muslimische mit ihrer partriachischen Vorstellungswelt. Wenn Religionen damit wie politische Zielsetzungen aufgefasst oder zu diesen gemacht werden, lassen sie sich leicht zu einem politischen Monster mit ungeheuerlicher Schlagkraft aufblähen. Solcher Rassismus steht dann im Dienst der Kriegsvorbereitung.


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 Betreff des Beitrags: Re: Wie entsteht Rassismus?
BeitragVerfasst: Do 15. Jan 2009, 23:24 
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Registriert: Fr 26. Dez 2008, 23:14
Beiträge: 39
Hi Wolfram, find ich gut, damit kommt man weiter mit dem Rassismus.
Wenn Du das irgendwo anders hinschreibst, solltest Du vielleicht "eidetisch" durc was andres ersetzen, weil das Wort glaub ich nur Du benutzt.

Ich hätte aber eine Frage:
Anscheinend gibt es zwei verschiedene Zwecke: das eine Mal ist es der Zweck, ein Gewaltverhältnis zu verschleiern und Herrschaft zu stabilisieren. Das andere Mal ist der Rassismus aber aus der Not begründet, in die allgemein die Gesellschaft geraten ist.
Ist das dasselbe? Ist das letztere nicht eigentlich der Antisemitismus?

Ist ein "restauratives Machtinteresse" und eine "Ursprungssehnsucht" dasselbe? Hatten die Griechen eine "Ursprungssehnsucht"?


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 Betreff des Beitrags: Re: Wie entsteht Rassismus?
BeitragVerfasst: Do 22. Jan 2009, 09:20 
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Registriert: Fr 26. Dez 2008, 08:51
Beiträge: 22
Emanuel hat geschrieben:
Anscheinend gibt es zwei verschiedene Zwecke: das eine Mal ist es der Zweck, ein Gewaltverhältnis zu verschleiern und Herrschaft zu stabilisieren. Das andere Mal ist der Rassismus aber aus der Not begründet, in die allgemein die Gesellschaft geraten ist.
Ist das dasselbe? Ist das letztere nicht eigentlich der Antisemitismus?

Ich sehe das so, dass das Interesse an der Verschleierung eines Gewaltverhältnisses die strukturelle Reaktion einer gesellschaftlich evidenten Not ist, es daher letztlich Staatsinteresse ist, die Ursachen dieser Not zu verschleiern. Dennoch wird der so erwirkte Schleier durchaus von in sich verworfenen, von sich selbst verlassenen Menschen übernommen, wenn sie hierdurch persönliche Identität gewinnen können und von daher staatsgläubigen werden. Sie intergrieren sich in ein abstraktes Sozialwesen, um sich selbst und ihr Leben besser aushalten zu können, um ihrem Leben einen abstrakten Sinn zu verleihen, den sie selbst nicht konkret leben können.
Um dies dann auch in der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu vollziehen, wird erst mal die gesellschaftliche Not naturalisiert, also mit einer quasi natürlichen Begründung bedacht (z.B. soziale Krisen sind Produkte der Überbevölkerung, es gibt hier zu viele Menschen, "das Boot ist voll"). Und dann werden die "natürlichen" Maßstäbe der Problemüberwindung bestimmt: Die "gesellschaflich nützlichen Menschen" werden von den unnützen unterschieden, um durch kulturelle oder natürliche Eigenschaften die Menschen zu bestimmen, die schlechter bedacht oder ganz ausgegrenzt werden sollen. Als erstes werden alle Integrationsmechanismen (z.B. Therapie von "Geisteskranken") eingeschränkt oder unterbunden (ist ja dann auch Kostenersparnis), um deren Elend dann durch Rassismus der allgemeinen Wahrnehmung zu entziehen. Tatsächlich hat sich im Antisemitismus der Nazis auch ein rein wirtschaftliches Gewinninteresse versteckt: Durch die Enteignung der Juden wurden große Werte unter der Hand angeeignet und Industrie und Bankkapital vom Staat übernommen. Außerdem lag es im Interesse der neuen Machthaber, hohe Schulden aufzunehmen, die nicht zurückgezahlt werden sollten, damit "das Volk" der Zukunft unbelastet entgegen sehen konnte. "Sieg Heil" war also ein Schlachtruf der Zechpreller, die sich in diesem Sinne antikapitalistisch verstanden haben.
Der Heilsbegriff selbst ist doppelbödig. Er war zum einen Heilungsbegriff und wandte sich vor allem gegen die sozial Randständigen, die "unnötigen Kosten". Der Antisemitismus sollte die Gründe der sozialen Krisen dem Judentum zuweisen und wollte "das Übel an der Wurzel packen und herausreißen". Sozial gesehen sollte er Gewalt und Disziplin begründen.
Emanuel hat geschrieben:
Ist ein "restauratives Machtinteresse" und eine "Ursprungssehnsucht" dasselbe? Hatten die Griechen eine "Ursprungssehnsucht"?

Die Ursprungssehnsucht halte ich für eines der subjektiven Momente, die aus der Sozialgeschichte hervorgegangen sind und zur objektiven Begründung des rassistischen Machtinteresses hergenommen wurden, wie z.B. auch die "Dolchstoßlegende". Solche Inhalte selbst sind nicht unmittelbares Machtinteresse, können das nicht begründen und verwirklichen sich nicht unbedingt als "restauratives Machtinteresse" (vergl. z.B. die Ursprungsromanzen des König Ludwig, der Wandervögel usw). Aber die Selbstverliebtheit solcher Romanzen ist reaktionär und will die Selbstbezogenheit überhöhen und veredeln. Von daher kann sie von Machtinteresse leicht instrumentalisiert werden und in reaktionärem Populismus aufgehen, besonders wenn diese Sehnsucht sich massenhaft mit der von "unheilen Persönlichkeiten" deckt.


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