Hallo herrkeuner, willkommen im Forum. Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben, Deinen Beitrag zu erwidern. Ich muss zugeben, dass es mir nicht leicht fällt, offen gegenüber Deiner Position zu sein, habe mich aber darum bemüht. Ich denke jedoch, Dir gute Argumente erwidern zu können.
Emanuel hat geschrieben:
Es geht, wie oben ja angemerkt, um eine moralische Auseinandersetzung mit dem Konflikt.
herrkeuner hat geschrieben:
wieso überhaupt?
Du spielst wahrscheinlich auf eine Infragestellung von Moral an. Vielleicht äußerst Du Dich noch dazu, was Du genau meinst.
Ansonsten finde ich es zunächst mal seltsam, in diesem Sinne nicht moralisch zu sein, dass man menschliches Leid als schlichtes Ereignis registriert, sonst aber nicht weiter wertet.
Von da ausgehend wendet sich Moral gegen die offensichtlichen Verursacher dieses Leids. Das weitere wäre nun die Frage, inwieweit diese Anklage gegen die Verursacher und die Forderung gegen sie, ihre Aggression zu beenden, gerechtfertigt ist. Daher sage ich "moralische Auseinandersetzung".
Mir leuchtet nicht ein, weshalb diese moralische Verhalten zu begründen wäre. Mir scheint eher der gegenteilige Standpunkt, sich in sich zurückzuziehen und keine praktische Beziehung dazu aufzubauen, begründungsbedürftig. Vielleicht führst Du daher noch aus, weshalb Du Moral schlechtfindest. - Verhältst Du Dich übrigens nicht moralisch dazu, indem Du diese Verteidigung, wie zumindest Isirael angemerkt hat, unterstützt und damit gutheißt?
Emanuel hat geschrieben:
Man müsste in Bezug auf Hamas wie auf alle Gruppierungen, die sich feindlich gegen Israel verhalten, erst einmal fragen, unter welchen Bedingungen ihr Israelhass entstanden ist, damit auch, unter welchen Bedingungen Frieden möglich ist.
herrkeuner hat geschrieben:
korrigier mich bitte, falls ich dich falsch verstehe, aber dein satz klingt fast so, als trüge israel irgendeine schuld am judenhass? derartige argumenationen wären nichts neues, eines marxisten aber unwürdig. ist denn der jud' schuld am antisemitismus?
Darf ich Dich fragen, weshalb Du versuchst, mir dies unterzuschieben, dass ich Israel eine "Schuld am Judenhass" vorwerfe? Schau Dir meinen Satz nochmal an, aber mir ist schleierhaft, wie Du diese Aussage da rausziehen kannst. Weshalb willst Du sie also darin sehen?
Des weiteren finde ich es problematisch, Israel mit "dem Juden" oder überhaupt den Juden gleichzusetzen. - Wie Du es aber machst. "Der Jude" existiert eigentlich nur als Zerrbild innerhalb des Antisemitismus. Israel ist zunächst mal ein Staat, indem es überhaupt ein Oben und Unten in verschiedener Hinsicht gibt und der weder mit dem Interesse seiner Bevölkerung noch dem Interesse der Juden überhaut gleichzusetzen.
Deine Aussage, dass solch ein Schluss "eines Marxisten unwürdig" ist, finde ich bedenklich. Damit schreibst Du "einem Marxisten" eine besondere Würde zu. Insofern er obigen Schluss zieht, macht er nicht einen Denkfehler, - vielmehr begibt er sich in den Dreck, in ein Terrain, das seiner unwürdig ist, in dem seine Reinheit, die ihn an sich über die Menschen erhebt, beschmutzt wird. In der Tat verstehe ich mich als Marxist, gerade aber insofern man sich positiv auf Marx bezieht, muss doch das eigene Selbstverständnis auch ein Verständnis der eigenen sozialen Funktion beinhalten, d.h. man kann höchstens das Verhältnis eines Marxisten zum Nichtmarxisten als ein gesellschaftlich bedingtes verstehen. Jedoch Marxismus adelt nicht.
Um nun auch nochmal inhaltlich auszuführen, was ich in obigem Zitat gemeint habe: Man muss zunächst in den israelfeindlichen Aggressionen zwei Momente unterscheiden, den Antisemitismus und Widerstandsbewegungen, in denen sich Menschen von Israel in ihrem Leben bedrängt sehen und sich dem widersetzen. Beides ist nicht identisch, mag sich aber sehr wohl wechselseitig begünstigen. Zu den Bedingungen beider Phänomene gehört die Staatsgründung Israels, die jedoch heute Fakt ist und sicherlich nicht bei Überlegungen zu Friedensbedingungen zur Disposition steht, sowie eine militaristische Außenpolitik Israels. Zu den Bedingungen der letzteren gehört wohl die Angst, sich um jeden Preis in feindlichem Territorium zu behaupten und die eigene Überlegenheit sozusagen blutigst zu demonstrieren sowie eine ständige Hetze und Gewalteinsatz gegen Israel von Seiten der Palästinenser & Konsorten. Es gibt wie oft zwei Seiten, die sich hier fatalerweise gegenseitig aufgeschaukelt haben.
Wenn es darum geht, Fragen nach Alternativen in der Geschichte Israels zu stellen, dann ist es sinnvoll, zwischen Israel und israelischen Politikern zu unterscheiden, die nicht notwendig identisch mit Israels Selbsterhaltungsinteresse sind. Ein Politiker, der im Militär großgeworden ist und v.a. in militärischen Kategorien denkt, wird z.B. auch zu einer bestimmten Politik neigen. Es mag ihrem "Charakter", aber auch innenpolitischen Erwägungen entsprechen, eine bestimmte außenpolitische Strategie zu wählen. Wenn hier die Frage nach der Schuld zu stellen ist, dann wären jedenfalls israelische Politiker die Adressaten, nicht aber einfach "Israel", das es in dieser unterstellten Homogenität nicht gibt.
herrkeuner hat geschrieben:
darüber hinaus denke ich nicht, dass mit antisemiten diskussionen (und dialoge) zu führen angemessen wäre, da eine solche massenbewegung einer bewussten entscheidung folgt (zwar nur resultierend aus entsprechenden ökonomischen und gesellschaftlichen verhältnissen, jedoch ist er [der antisemitismus] mehr als nur eine art folgenschweres versehen.), sich kollektiv und unabhängig von den handlungen der idf/israel/den juden/whatever auslebt.
sie sind insofern der antisemitismus, da das hineingeborenwerden in ein fundamentalistisch-antisemitisches selbstmörderkollektiv kaum andere schlüsse als antwort auf die verhältnisse ermöglicht. innerhalb des palästinensischen volks (und im arabischen raum im allgemeinen) liegt keinerlei progressives potential, daher muss die umänderung des seins von außen erfolgen, wenn sich nicht mehr länger antisemitisches bewusstsein reproduzieren soll.
Was ist das für eine Entscheidung, in der man nur "zwischen" einer Alternative auswählen kann? Müsste man nicht sagen, dies ist gar keine Entscheidung?
Weshalb behauptest Du, dass sich die "Massenbewegung" des Antisemitismus "unabhängig von den handlungen der idf/israel/den juden/whatever auslebt"? Nimmst Du nicht zur Kenntnis, dass er auch, wie oben angemerkt, aus der israelischen Politik wächst, würdest Du diese als irrelevant für die Entstehung des Antisemitismus beurteilen - und warum - oder wie stehst Du dazu?
Es ist eine Sache, zu sagen, dass in der Region die Entstehungsbedingungen für Antisemitismus besonders günstig sind, wobei es unrichtig ist, die "Araber" als ein "Selbstmörderkollektiv" und den dortigen Islam als durch und durch fundamentalistisch zu bezeichnen, und insofern den Islam mit dem Antisemitismus zu identifizieren.
Es ist eine andere Sache zu sagen, dass in dieser Gesellschaft Antisemitismus notwendig verhaftet ist. Dies ist im Grunde eine Ontologie, d.h. eine Seinsbestimmung dieser Menschen. Da ich dies schon kritisch gegen Isirael angemerkt habe, Du nun aber meiner Meinung nach dieselbe Ontologie wieder vertrittst, ohne auf meinen Ontologie-Vorwurf eingegangen zu sein, möchte ich Dich nochmal um eine Stellungnahme hierzu bitten. Eine "Ontologie" kennt keine Entwicklung und kein wirkliches Sein, das durch anderes Sein bestimmt ist und sich in dieser Bestimmung entwickelt, daher Sein ist nur durch seine Beziehung auf anderes.
Deine Aussage "innerhalb des palästinensischen volks (und im arabischen raum im allgemeinen) liegt keinerlei progressives potential" ist zunächst empirisch nicht korrekt. Es gibt in Iran eine breite alternative Schicht, v.a. in der jungen Bevölkerung. Gerade in Iran gab es bis zur islamischen Revolution 1979 eine recht demokratisch gesinnte Bevölkerung, wie etwa der Film "Persepolis" zeigt. Die hat danach nicht einfach aufgehört zu existieren, sondern konnte sich aufgrund des islamischen Regimes nur mehr im Privaten, nicht jedoch öffentlich artikulieren und weiterentwickeln. Ich kenne zwei sehr nette muslimische Philosophiekommilitonen aus Tunesien, die dort, bevor sie nach Dtld. kamen, in einer marxistischen Gruppierung(ML) tätig waren. Und man könnte sicherlich noch andere Beispiele aufführen. D.h. Dein "progressives Potential" existiert in der Tat.
Zum andern wäre die Frage zu stellen, wie ein "progressives Potential" oder ein "revolutionäres Subjekt" eigentlich entsteht. Das ist nicht so, dass in einer Gesellschaft sowas halt existiert oder nicht. Geschichte, d.h. die Entwicklung und Umwälzung von Gesellschaftsformen beruht überhaupt darauf, dass die Gesellschaftsform in sich widersprüchlich ist, so dass diejenige Subjektivität, wie sie von dieser Gesellschaftsform erzeugt wurde, in Widerspruch tritt mit der Gesellschaftsform selbst. An diesen Widersprüchen, die es auch in der arabischen Welt gibt, gerade insofern sie überhaupt kapitalistische Verhältnisse aufweist, was dort noch nicht überall gilt, entwickelt sich Widerstand und Protest. Einen Widerspruch von außen aufzudrücken, wie Du es als "Umänderung des Seins von außen" vorhast, ist eigentlich absurd und erzeugt vielmehr einen Gegensatz zu der Aggression von außen.
Hinsichtlich der Umänderung des Seins von außen wäre vielmehr die Verflochtenheit des arabischen Raums in die Weltwirtschaft und damit in das globale imperialistische System zu benennen(Öl). Dies gehört auch zu den Bedingungen des Antisemitimus im arabischen Raum. Von dieser "Veränderung des Seins von außen", die daher in der Tat schon existiert, überzugehen zu einer Forderung, dies Sein doch endlich mal zu verändern, ist eigentlich widersinnig.
herrkeuner hat geschrieben:
wer sich in offiziellen immer mal wieder positiv auf die sog. 'protokolle der weisen von zion' beruft und diese zum leitmotiv ihrer "befreiungswegegung" erhebt, ist (meiner meinung nach) nicht an einem frieden, der in unserem sinne liegen könnte, interessiert.
süddeutsche zeitung und israel. kennt man ja...
Schau Dir mal den Artikel an, den ich oben verlinkt habe. Ihm gemäß ist die Hamas kein monolithischer Block, sondern es gibt darin eben auch "vernünftige" Strömungen. Nichts läge doch näher, als diese zu stützen. Die Hamas ist von ihrem Selbstverständnis her auch nicht einfach nur auf die Vernichtung Israels zu reduzieren. Insofern sie selbst Verhandlungsangebote zum Frieden macht, so ist dies als ebenso getreue Aussage der Hamas zu werten, wie ihr Programm, das Du hier gerade zitierst. Wenn man das Friedensangebot für Heuchelei hält, wieso dann nicht auch ihr Programm?