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Eine Kulturtheorie der zwischenmenschlichen Beziehungen in Adornos Minima Moralia
Adorno hat eine Theorie zwischenmenschlicher Beziehungen, die die „ganz normalen“, „alltäglichen“ Beziehungen zwischen Menschen betreffen. Diese Beziehungen sind nicht ökonomisch fundierte, sondern haben eigene, „zwischenmenschliche“ Substanz, und sie existieren in einem Bereich jenseits sozialstruktureller Beziehungen wie der der Zirkulationssphäre oder der von Arbeit und Kapital. Diese Theorie habe ich in den Minima Moralia entwickelt gefunden. Kategorien zur Qualifizierung dieser Beziehungen sind „Wärme“ und „Kälte“ (etwa Aph. 21) oder auch „Nähe“ und „Ferne“ (etwa Aph. 116) oder „Entfremdung“ (etwa Aph. 20). Um die Dimensionen dieser Theorie zu erarbeiten, möchte ich einige Stellen der Minima Moralia vorstellen und jeweils Adornos Gedanken zur Zwischenmenschlichkeit herausholen. Wer nicht so viel lesen will, springe bitte zur Überschrift „Zusammenfassung“, in der ich die Ergebnisse dieser Aphorismenarbeit zusammenfasse.
Aphorismus 9 über die Lüge
Laut dem Aphorismus 9 wird heute nicht mehr gelogen, um den anderen zu täuschen; man glaubt dem anderen ohnehin nicht mehr. „Gelogen wird nur, um dem anderen zu verstehen zu geben, dass einem nichts an ihm liegt, dass man seiner nicht bedarf, dass einem gleichgültig ist, was er über einen denkt.“ Dies weist auf die Negation zwischenmenschlicher Beziehung hin, und zwar in dem positiven Sinn, dass der andere einem eine emotionale Stütze ist, eine Bestätigung seiner selbst. Mit so einer zwischenmenschlichen Beziehung geht jedoch immer eine emotionale Abhängigkeit einher, insofern man bei Bestehen solch einer Beziehung auch dem anderen verbunden ist – und zwar ohne Androhung einer etwa staatlichen Sanktionsgewalt. Indem man sich vom anderen isoliert, ihn gar nicht an sich heranlässt, vermeidet man auch diese Abhängigkeit, die einem ökonomisch, ebenso jedoch auch emotional zum Nachteil gereichen kann. „Die Lüge ... ist heute zu einer der Techniken der Unverschämtheit geworden, mit deren Hilfe jeder Einzelne die Kälte um sich verbreitet, in deren Schutz er gedeihen kann.“ Die Interaktionen der Menschen bestehen natürlich trotzdem, gerade um das Eigeninteresse zu verwirklichen, was nur vermittels des anderen geht, ohne eine positive zwischenmenschliche Substanz im geschilderten Sinn zu haben. Indem aber jeder „Kälte“ um sich verbreitet, jedem die „kalte Schulter“ zeigt, Hilfsbereitschaft und Güte verweigert, zeigt sich aber, dass die Menschen in sich ein gewisses Bedürfnis haben, sich anderen zu verbinden, dass es für sie schwierig ist, offen ihre Nichtachtung zu zeigen. Gerade um dem zu entgehen, verbreiten sie die Kälte um sich: So isolieren sie sich gegen den Verlustschmerz des anderen. Es zeigt sich hiermit, wie sehr die Menschen dennoch einander brauchen; erst auf dieser Basis erhalten Kälte gegeneinander und psychische Attacken ihren Sinn.
Aphorismus 20 über die bürgerlichen Verkehrsformen
In Aphorismus 20, „Struwwelpeter“, wird eine subjektive Charakteristik dieser positiven Zwischenmenschlichkeit vorgestellt, es handelt sich um „zweckfreie Beziehungen“, die in der bürgerlichen Gesellschaft natürlich rar geworden sind; und deren Gegenteil sich übrigens auch aufs Nichtökonomische, aufs Privatleben bezieht. (Es wäre zu diskutieren, ob diese instrumentelle Beziehungen im Privatleben letztlich aufs Ökonomische abzielen, etwa um darüber Karriereoptionen zu erhalten, oder ob sie auch instrumentell für das Affektleben, die Anerkennung in bestimmten Gruppen, Bewahrung einer Identität usw. sind: „sein ganzes Privatleben steht unter dem Gesetz, weniger zu geben, als man zurückbekommt“ (Aph. 15).) Diese zweckfreien Beziehungen können sich nach Adorno nur vermittels bürgerlicher Umgangsformen entwickeln, die in ihrer Form die Achtung vor dem anderen enthalten und die Raum geben für die Entfaltung wirklicher Beziehungen. Die bürgerliche Distanz und Fremdheit, die ein Zunahetreten als Belästigung verurteilt, bildet selbst eine Betrachtungsebene zwischenmenschlicher Beziehungen. Den zweckfreien Beziehungen stellt er die zwischenmenschliche Entfremdung gegenüber, die den anderen bloß in seiner Funktion für den eigenen Zweck betrachtet. Es ist natürlich fraglich, warum gerade bürgerliche Umgangsformen (Hut ziehen, Briefanrede) die Grundlage für die Entfaltung wirklicher Zwischenmenschlichkeit bilden sollen. Aber den Faden weiterspinnend stellt sich die Frage, worin diese Grundlage besteht, auch angesichts dessen, dass sich Zwischenmenschlichkeit nicht beliebig, sondern mit längerer gemeinsamer Tätigkeit, Interessen und dergleichen entwickelt. Dieser „Kitt zwischen den Menschen“ ist allerdings ersetzt „durch den Druck, der sie zusammenhält“; man könnte sagen, die Grundlage der gegenwärtigen, entfremdeten Beziehungen ist eine rein äußerliche, eben ein „Druck“, der nichts mit menschlicher Zwischenmenschlichkeit selbst zu tun hat; es ist keine Beziehung, die aus den Menschen um der Beziehung zu dem anderen willen eingegangen wird.
Aphorismus 21 übers Schenken
Hier wird „das Schenken“ als Modell „aller nicht entstellten Beziehung“ vorgestellt. Ein „wirkliches“, d.h. nicht entfremdetes Schenken hätte eine Struktur der Selbstaufgabe und des Aufgehens im anderen. „Wirkliches Schenken hatte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten. Es heißt wählen, Zeit aufwenden, aus seinem Weg gehen, den anderen als Subjekt denken“. Es heißt also, Abstand von den eigenen Zwecken und für die Zwecke des anderen sein; dies aber nicht, indem die Zwecke des anderen zu meinen werden, sondern weil das Glück des Beschenkten mein Glück bedeutet. Insofern ist dies nicht die Identität mit dem anderen. Gleichwohl heißt es natürlich, empathisch zu werden, den Sinnkontext anderen zu verstehen, sich in seine Wünsche einfühle. Für das Schenken wie für positive Zwischenmenschlichkeit überhaupt braucht es daher diese Fähigkeiten. Denjenigen, die nicht mehr schenken, verkümmern sie. In deren Beziehungen tritt die Kälte ein, „das freundliche Wort, das ungesprochen, die Rücksicht, die ungeübt bleibt“. „Kälte“ könnte man hiernach bestimmen als Beziehungsform, in der dem zwischenmenschlichen Bedürfnis nach Freundlichkeit, Anerkennung, Teilnahme vom anderen nicht entsprochen wird.
Zusammenfassung der Aphorismen-Exegese
Es geht hier also um den Gegensatz zwischen „entfremdeter“ und „substantieller“ Zwischenmenschlichkeit. Letzere lässt sich bestimmen durch Vertrauen, Hilfsbereitschaft, füreinander Einstehen, gegenseitige Stütze, Zweckfreiheit. Vorausgesetzt bleiben bei beiden Seiten des Gegensatzes Bedürfnisse nach Bestätigung durch den anderen, nach Dankbarkeit, Ernstnehmen, Freundlichkeit, Achtung. Von hier aus ergeben sich bei Adorno zwei Analyse entfremdeter Beziehung: die eine, vollständig verdinglichte, in der die Menschen nur noch Objekte sind, die andere, in der sie dem anderen die Achtung und Anerkennung vorenthalten, obwohl dieser sie braucht und um sich selbst vor der zwischenmenschlichen Verbindung, wie sie die Anerkennung des anderen stiftet, und die Abhängigkeit bedeutet, zu schützen. Die substantiellen zwischenmenschlichen Beziehungen sind bei Adorno in keiner Weise ökonomisch fundiert, sie besitzen nicht einmal die Form ökonomischer Reziprozität.
Zum Weiterdenken
Ich will nun noch einige Gesichtspunkte zur weiteren Verfolgung der Thematik anzeigen. Der Bruch zwischen ökonomischen und kulturellen Beziehungen könnte einen rein kapitalistischen darstellen. In der bürgerlichen Gesellschaft kann sich auf der widersprüchlichen ökonomischen Basis keine substantielle Zwischenmenschlichkeit entwickeln; im Sozialismus gelingt es und muss es gelingen, beides zu vereinen. Diese Theorie zwischenmenschlicher Beziehung könnte an Freud anschließen, die libidinöse Bindungen zwischen den Individuen als Kulturbasis ansieht, müsste aber wohl ökonomische Beziehungen davon unterscheiden. Weiter kann man zwischenmenschliche Beziehungen in den Blick nehmen, die gern mit „Oberflächlichkeit“, „sich-Herausputzen“, „Äußerlichkeit“ beschrieben werden, was auch alles andere als substantielle Zwischenmenschlichkeit ist.
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