hans hat geschrieben:
In deiner Biographie schreibst du:
„Der Marxismus als Theorie des revolutionären Willens war einer der fatalsten Fehler, der heute noch anhält.“
Genau hier liegen meine Schwierigkeiten: Ist das „Kapital“ eine Art Rezeptbuch für die proletarische Revolution? Hat Marx es geschrieben, um den Proletariern ihr Elend zu erklären, die dann unter Anleitung des Marxismus eine Revolution machen sollen? Anders gefragt: Hat Marx das Kapital geschrieben, weil es Klassenkämpfe gibt oder hat er es geschrieben, um Klassenkämpfe zu provozieren, bzw. die Klassenkämpfe in die richtigen Bahnen zu lenken?
Letzteres glaube ich nicht. Marx selber spricht von der „Selbstbefreiung des Proletariats“, dem Kommunismus als „wirkliche Bewegung“, die sich aus den „jetzt bestehenden Voraussetzungen“ ergeben.
Ja genau! In der Geschichtsauffassung des historischen Materialismus (
http://kulturkritik.net/lexex.php?lex=historischermaterialismus) sind Revolutionen Befreiuungsakte der historisch unterdrückten Klasse und nur von daher die "Lokomotiven der Geschichte" (Marx). Darin kommen die Klassenkämpfe auf ihren Brennpunkt, durch den die herrschende Klasse durch die beherrschte nur deshalb gebeugt werden kann, weil sich in der Geschichte der Menschen die gesellschaftlichen Bedingungen der Naturaneignung wesentlich verändert haben, weil also ihr organisches Leben in Widerspruch zu seiner gesellschaftlichen Form geraten ist.
Marx thematisiert daher den Widerspruch des Kapitalismus, der Gesellschaftsform, worin die Menschen durch ihren gesellschaftlichen Reichtum aus der Naturmacht heraustreten und sich von daher als Menschen auch unbedingt bejahen können, als Widerspruch der Elementarform des gesellschaftlichen Reichtums, des "Reichtums der Gesellschaften, worin kapitalistische Produktionsweise herrscht" (erster Satz des Kapitals I), als Widerspruch der "Warensammlung" und der gesellschaftlichen Beziehungen, die diese ausmachen. Im ganzen Verlauf seiner Darstellung wird dies als Widerspruch von gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung abgehandelt, als Widerspruch einer Wirtschaft, die politisch durch Privateigentum beherrscht wird und eine "Kritik der politischen Ökonomie" nötig hat. Und dieser Widerspruch ist es, der sowohl die "Probleme und Krisen" dieser Gesellschaftsform erklärt, wie auch das Potenzial seiner Auflösung, die gesellschaftliche Aneignung des gesellschaftlichen Produkts, aufdeckt.
hans hat geschrieben:
Daraus ergeben sich natürlich eine Menge Fragen: Wozu hat Marx dann überhaupt das Kapital geschrieben? Begeben wir uns damit nicht zu tief in die Geschichtsphilosophie? Wo liegen dann überhaupt die Aufgaben einer revolutionären Linken?
Eine breitere Diskussion über diese Fragen wäre wünschenswert, zunächst habe Ich aber lediglich ein paar Verständnisfragen bzgl. dessen, was Du weiter schreibst:
„Vergl. z.B. die Staatstheorie der „Marxistischen Gruppe“, die den bürgerlichen Staat als „Verselbstständigung des abstrakt freien Willens“ begreift und ihm den konkreten Willen entgegenhält.“
Diese Gruppe geht von einem politischen Willen aus, der dadurch revolutionär sein soll, dass er sich konkret zu allen Verhältnissen im Kapitalismus verhält und von daher - wenn er nur seine Ohnmacht überwindet - die "Selbstverwirklichung der Menschen" erreicht. Damit wird an allen Ecken der Gesellschaft eine Machtfrage gestellt, welche jenseits der materiellen Bedingtheit der bürgerlichen Existenzen das individuelle "Subjekt" durch Selbstermächtigung zu einem revolutionären macht. Der politische Wille unterstellt sich aber gerade dadurch dieser Existenzform, indem er sie zu einer Frage des reinen Bewusstseins bzw. Psychologie deformiert, dem abstrakten Willen, dem sich der konkrete entgegenstellen soll.
hans hat geschrieben:
Was du als nächstes schreibst, verstehe ich überhaupt nicht:
„... Kritik der politischen Ökonomie, deren eigentliches Ziel es war, „mit der Waffe der Kritik“ den politischen Willen des Kapitals in einer Ökonomie anzugehen,...“
Genauer gesagt verstehe ich nicht, was du mit dem „politischen Willen des Kapitals“ meinst.
Der politische Wille des Kapitals ist die Rechtsform des Privateigentums, durch welchen gesellschaftliche Produktion angeeignet wird. Am Ende ist es alleine der Rechtstitel des Privatbesitzes, welcher Geld erheischen kann, das nicht einmal mehr ein wirkliches Mehrprodukt darstellen muss (z.B. Mieten, Lizenzen, Grundeigentum, Verfügung über Ressourcen, Arbeitskraft usw.). Die Geldwerte bekommen durch die Grundwerte erst ihren letztlichen Halt und der ist nicht durch Arbeit, also durch Bewirtschaftung (Ökonomie) erzeugt, sondern alleine durch einen zum Gesetz erhobenen politischen Willen.