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 Betreff des Beitrags: Gesellschaftliche Veränderung durch "politischen Willen"?
BeitragVerfasst: Di 3. Mär 2009, 11:37 
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Registriert: So 28. Dez 2008, 13:00
Beiträge: 34
Wille verlangt Macht, um ihn durchzusetzen und ihre Gewalt, um verwirklicht zu werden. Aber was macht die Macht aus? Den Willen selbst? Kann Gesellschaft nur durch Macht verändert werden, - ist eine Gesellschaftsveränderung eine reine Machtveränderung? Es wäre schlimm, wenn der Wille selbst Macht produzieren soll, denn es wäre der "Wille zur Macht", der die "Macht des Willens" zu vollstrecken hätte (A. Hitler).
Eine gesellschaftliche Veränderung gibt es Tag für Tag in der Produktion und Aneignung der bestehenden Gesellschaft, ist eine beständige Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Aber eine Veränderung der Gesellschaft, eine Veränderung der Gesellschaftsform, kann nur sein, wenn und wo die wirkliche Gesellschaft zugleich eine unwirkliche Form hat, wenn die Inhalte des gesellschaftlichen Lebens und Verkehrens über ihre Form hinaustreiben, wenn also die Menschen ihre eigene Unwirklichkeit in dieser Gesellschaft als ihre Not haben.
Eine Veränderung der Gesellschaftsform kann daher nur wirklich gelingen, wenn und wo sie auch not-wendig, wenn die Gesellschaft als Ganzes anachronistisch ist. Der Nachweis dieses Anachronismus erfordert allerdings ein Bewusstsein, das auch ein bewiesenes Wissen sein muss, wissenschaftlicher Beweis, dass es wirklich so ist. Er erfordert ein gesellschaftliches Bewusstsein der herrschenden Wirklichkeit als Einheit von subjektivem und objektivem Bewusstsein. Dieses allerdings ist so ziemlich genau das Gegenteil des politischen Willens, dem Verhalten von Macht und politischer Gewalt als reine Formation des Willens. Ein politischer Wille für sich kann nur die Form einer Klassenherrschaft und daher in der Wirklichkeit eine Form des Klassenkampfes sein. Sie ist Bestandteil eines gesellschaftlichen Anachronismus, der selbst noch nichts ändert. Eine Umstürzung der überkommenen gesellschaftlichen Form findet nur statt, wenn und wo der Klassenkampf zu seiner Aufhebung getrieben wird.
Marx beschreibt mit Engels diese Veränderung folgendermaßen:
"Die arbeitende Klasse wird im Laufe der Entwicklung an die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft eine Assoziation setzen, welche die Klassen und ihren Gegensatz ausschließt, und es wird keine eigentliche politische Gewalt mehr geben, weil gerade die politische Gewalt der offizielle Ausdruck des Klassengegensatzes innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft ist." (Das Elend der Philosophie, Marx u. Engels, MEW.4, S.182.)


Zuletzt geändert von Eisbär am Mi 4. Mär 2009, 09:52, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: Gesellschaftliche Veränderung durch "politischen Willen"?
BeitragVerfasst: Di 3. Mär 2009, 15:54 
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Registriert: Mo 2. Mär 2009, 19:09
Beiträge: 3
Hallo! Den nachfolgenden Text hatte ich zunächst als Fragen an Wolfram in einer Email formuliert. Da das Thema aber sicherlich auch für andere interessant ist und gut zu dem Eintrag oben passt, hier nochmal der Text in leicht überarbeiteter Form:

In der letzten Zeit habe ich mir schwer den Kopf zerbrochen über einige Aspekte der marxschen Theorie, die in der Hauptsache den Zweck der Kritik der politischen Ökonomie betreffen. Im Internet stieß Ich dann auf eure Seite, vor allem auf deine biographische Notiz und auf dein Buch „Der Reichtum der bürgerlichen Gesellschaften“. In deiner Biographie schreibst du:

„Der Marxismus als Theorie des revolutionären Willens war einer der fatalsten Fehler, der heute noch anhält.“

Genau hier liegen meine Schwierigkeiten: Ist das „Kapital“ eine Art Rezeptbuch für die proletarische Revolution? Hat Marx es geschrieben, um den Proletariern ihr Elend zu erklären, die dann unter Anleitung des Marxismus eine Revolution machen sollen? Anders gefragt: Hat Marx das Kapital geschrieben, weil es Klassenkämpfe gibt oder hat er es geschrieben, um Klassenkämpfe zu provozieren, bzw. die Klassenkämpfe in die richtigen Bahnen zu lenken?
Letzteres glaube ich nicht. Marx selber spricht von der „Selbstbefreiung des Proletariats“, dem Kommunismus als „wirkliche Bewegung“, die sich aus den „jetzt bestehenden Voraussetzungen“ ergeben. In den Grundrissen schreibt er nochmal sinngemäß: „Wären in den jetzigen Verhältnissen keine Minen vorhanden, wären alle Sprengversuche Don Quichoterie“. Das passt auch hervorragend zu dem was du weiter schreibst: „... in einer Ökonomie anzugehen, die selbst zu einer anderen Gesellschaftsform drängt,...“.
Das erinnert auch an den Rätekommunisten Cajo Brendel, der einmal (wiederum sinngemäß) schrieb: „man darf nicht vergessen, dass die Arbeiter nicht streiken, weil sie das Kapital gelesen haben. Ihre Kämpfe ergeben sich aus ihren momentanen Bedürfnissen.“

Daraus ergeben sich natürlich eine Menge Fragen: Wozu hat Marx dann überhaupt das Kapital geschrieben? Begeben wir uns damit nicht zu tief in die Geschichtsphilosophie? Wo liegen dann überhaupt die Aufgaben einer revolutionären Linken?

Eine breitere Diskussion über diese Fragen wäre wünschenswert, zunächst habe Ich aber lediglich ein paar Verständnisfragen bzgl. dessen, was Du weiter schreibst:

„Vergl. z.B. die Staatstheorie der „Marxistischen Gruppe“, die den bürgerlichen Staat als „Verselbstständigung des abstrakt freien Willens“ begreift und ihm den konkreten Willen entgegenhält.“

Leider habe ich keine wirkliche Ahnung von Hegel, weshalb mir der Satz ziemlich unverständlich ist. Kannst Du es mir erläutern?
Was du als nächstes schreibst, verstehe ich überhaupt nicht:

„... Kritik der politischen Ökonomie, deren eigentliches Ziel es war, „mit der Waffe der Kritik“ den politischen Willen des Kapitals in einer Ökonomie anzugehen,...“

Genauer gesagt verstehe ich nicht, was du mit dem „politischen Willen des Kapitals“ meinst. Ich weiß natürlich, dass du die Antworten auf meine Fragen in deinem Buch „Der Reichtum der bürgerlichen Gesellschaften“dargelegt hast. Ich habe das Buch auch schon recht weit gelesen, habe aber eben meine Probleme mit dem hegelianischen „Jargon“.


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 Betreff des Beitrags: Re: Gesellschaftliche Veränderung durch "politischen Willen"?
BeitragVerfasst: Di 3. Mär 2009, 16:17 
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Registriert: Mo 2. Mär 2009, 19:09
Beiträge: 3
Warum halte ich diese Fragen für so wichtig?

In der Hauptsache betreffen sie das Verhältnis des Theoretikers zur Bewegung. Kann man diese Unterscheidung überhaupt machen? Drängen die Klassenkämpfe zur Theorie oder befeuert die Theorie die Klassenkämpfe? Oder gelangt die Arbeiterklasse in ihren Kämpfen selbst zur Theorie, also zum ominösen Klassenbewusstsein.

Der Hauptfehler des Bolschewismus wird meistens in der positiven Bezugname auf den Staat gesehen. Dabei wird häufig unterschlagen, dass auch Lenin an der Abschaffung des Staates zumindest als Fernziel zeit seines Lebens festhielt.
Der Fehler des Bolschewismus liegt m.E. an einer anderen Stelle und findet sich auch bei selbsternannten "undogmatischen" Marxisten. Auf den Hinweis, dass die Arbeiterklasse im zaristischen Russland kaum eine Arbeiterklasse vorhanden war und folglich auch kaum Klassenkämpfem, soll Lenin geantwortet haben, es gebe aber eine revolutionäre Intelligenz die den Massen den Marxismus beibringen könne. In diesem Auseinanderfallen von revolutionärer Intelligenz und der Arbeiterklasse als Manövriermasse sind alle nachfolgenden Probleme schon enthalten. Durch diese Dichotomie kann die revolutionäre Umwälzung niemals "Selbstbefreiung des Proletariats" sein.

Außerdem werden in dieser Perspektive die gegenwärtigen Verhältnisse in Gänze negiert und die befreite Gesellschaft zum völlig Jenseitigen erklärt (unter diesem Aspekt wäre auch Adornos Satz "es gibt kein richtiges Leben im falschen" zu diskutieren). Marx ging es jedoch gerade darum, die kommende Gesellschaft in Keimform in den jetzigen Verhältnissen zu finden: "Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung."


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 Betreff des Beitrags: Re: Gesellschaftliche Veränderung durch "politischen Willen"?
BeitragVerfasst: Mi 4. Mär 2009, 10:45 
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Registriert: So 28. Dez 2008, 13:00
Beiträge: 34
hans hat geschrieben:
In deiner Biographie schreibst du:
„Der Marxismus als Theorie des revolutionären Willens war einer der fatalsten Fehler, der heute noch anhält.“
Genau hier liegen meine Schwierigkeiten: Ist das „Kapital“ eine Art Rezeptbuch für die proletarische Revolution? Hat Marx es geschrieben, um den Proletariern ihr Elend zu erklären, die dann unter Anleitung des Marxismus eine Revolution machen sollen? Anders gefragt: Hat Marx das Kapital geschrieben, weil es Klassenkämpfe gibt oder hat er es geschrieben, um Klassenkämpfe zu provozieren, bzw. die Klassenkämpfe in die richtigen Bahnen zu lenken?
Letzteres glaube ich nicht. Marx selber spricht von der „Selbstbefreiung des Proletariats“, dem Kommunismus als „wirkliche Bewegung“, die sich aus den „jetzt bestehenden Voraussetzungen“ ergeben.

Ja genau! In der Geschichtsauffassung des historischen Materialismus (http://kulturkritik.net/lexex.php?lex=historischermaterialismus) sind Revolutionen Befreiuungsakte der historisch unterdrückten Klasse und nur von daher die "Lokomotiven der Geschichte" (Marx). Darin kommen die Klassenkämpfe auf ihren Brennpunkt, durch den die herrschende Klasse durch die beherrschte nur deshalb gebeugt werden kann, weil sich in der Geschichte der Menschen die gesellschaftlichen Bedingungen der Naturaneignung wesentlich verändert haben, weil also ihr organisches Leben in Widerspruch zu seiner gesellschaftlichen Form geraten ist.
Marx thematisiert daher den Widerspruch des Kapitalismus, der Gesellschaftsform, worin die Menschen durch ihren gesellschaftlichen Reichtum aus der Naturmacht heraustreten und sich von daher als Menschen auch unbedingt bejahen können, als Widerspruch der Elementarform des gesellschaftlichen Reichtums, des "Reichtums der Gesellschaften, worin kapitalistische Produktionsweise herrscht" (erster Satz des Kapitals I), als Widerspruch der "Warensammlung" und der gesellschaftlichen Beziehungen, die diese ausmachen. Im ganzen Verlauf seiner Darstellung wird dies als Widerspruch von gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung abgehandelt, als Widerspruch einer Wirtschaft, die politisch durch Privateigentum beherrscht wird und eine "Kritik der politischen Ökonomie" nötig hat. Und dieser Widerspruch ist es, der sowohl die "Probleme und Krisen" dieser Gesellschaftsform erklärt, wie auch das Potenzial seiner Auflösung, die gesellschaftliche Aneignung des gesellschaftlichen Produkts, aufdeckt.
hans hat geschrieben:
Daraus ergeben sich natürlich eine Menge Fragen: Wozu hat Marx dann überhaupt das Kapital geschrieben? Begeben wir uns damit nicht zu tief in die Geschichtsphilosophie? Wo liegen dann überhaupt die Aufgaben einer revolutionären Linken?
Eine breitere Diskussion über diese Fragen wäre wünschenswert, zunächst habe Ich aber lediglich ein paar Verständnisfragen bzgl. dessen, was Du weiter schreibst:
„Vergl. z.B. die Staatstheorie der „Marxistischen Gruppe“, die den bürgerlichen Staat als „Verselbstständigung des abstrakt freien Willens“ begreift und ihm den konkreten Willen entgegenhält.“

Diese Gruppe geht von einem politischen Willen aus, der dadurch revolutionär sein soll, dass er sich konkret zu allen Verhältnissen im Kapitalismus verhält und von daher - wenn er nur seine Ohnmacht überwindet - die "Selbstverwirklichung der Menschen" erreicht. Damit wird an allen Ecken der Gesellschaft eine Machtfrage gestellt, welche jenseits der materiellen Bedingtheit der bürgerlichen Existenzen das individuelle "Subjekt" durch Selbstermächtigung zu einem revolutionären macht. Der politische Wille unterstellt sich aber gerade dadurch dieser Existenzform, indem er sie zu einer Frage des reinen Bewusstseins bzw. Psychologie deformiert, dem abstrakten Willen, dem sich der konkrete entgegenstellen soll.
hans hat geschrieben:
Was du als nächstes schreibst, verstehe ich überhaupt nicht:
„... Kritik der politischen Ökonomie, deren eigentliches Ziel es war, „mit der Waffe der Kritik“ den politischen Willen des Kapitals in einer Ökonomie anzugehen,...“
Genauer gesagt verstehe ich nicht, was du mit dem „politischen Willen des Kapitals“ meinst.

Der politische Wille des Kapitals ist die Rechtsform des Privateigentums, durch welchen gesellschaftliche Produktion angeeignet wird. Am Ende ist es alleine der Rechtstitel des Privatbesitzes, welcher Geld erheischen kann, das nicht einmal mehr ein wirkliches Mehrprodukt darstellen muss (z.B. Mieten, Lizenzen, Grundeigentum, Verfügung über Ressourcen, Arbeitskraft usw.). Die Geldwerte bekommen durch die Grundwerte erst ihren letztlichen Halt und der ist nicht durch Arbeit, also durch Bewirtschaftung (Ökonomie) erzeugt, sondern alleine durch einen zum Gesetz erhobenen politischen Willen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Gesellschaftliche Veränderung durch "politischen Willen"?
BeitragVerfasst: Mi 18. Mär 2009, 10:29 
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Registriert: Mo 2. Mär 2009, 19:09
Beiträge: 3
Zitat:
Diese Gruppe geht von einem politischen Willen aus, der dadurch revolutionär sein soll, dass er sich konkret zu allen Verhältnissen im Kapitalismus verhält und von daher - wenn er nur seine Ohnmacht überwindet - die "Selbstverwirklichung der Menschen" erreicht. Damit wird an allen Ecken der Gesellschaft eine Machtfrage gestellt, welche jenseits der materiellen Bedingtheit der bürgerlichen Existenzen das individuelle "Subjekt" durch Selbstermächtigung zu einem revolutionären macht. Der politische Wille unterstellt sich aber gerade dadurch dieser Existenzform, indem er sie zu einer Frage des reinen Bewusstseins bzw. Psychologie deformiert, dem abstrakten Willen, dem sich der konkrete entgegenstellen soll.


Ich kenne diese Gruppe. Ihre Kritik erschöpft sich oft darin, dass dieser oder jener Gegenstand (oft eine Wissenschaft) nicht dem kommunistischen Zweck dienlich sei. So ist zum Beispiel die Literatur abzulehnen, weil sie den Kapitalismus nicht wissenschaftlich erkläre und so den Leser nicht "praktisch souverän" macht. Oder, die Geschichtswissenschaft beschäftige sich mit der Vergangenheit und hält uns damit davon ab, die Gegenwart revolutionär umzugestalten. Mir kam das damals schon ziemlich flach vor.

Allerdings muss man sich schon fragen, ob der Wille zur Veränderung das Einzige ist, was auch zur Veränderung führen kann. Die Revolution entsteht nicht aus ihren Bedingungen, weil Bedingungen schlechterdings nicht wirken.


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