Emanuel hat geschrieben:
Es geht dabei um den neuen Frankfurter Campus, der eine ganz "furchtbare" Ästhetik hat, weite, sehr monotone und sterile Räume; das übrige Stadtleben ist völlig ausgegrenzt, der Campus ist nur auf sich bezogen; extreme Sauberkeit und Hochglanz überall. Und anderes, das ich noch nicht beschreiben kann. Diese Ästhetik zwingt in gewissem Sinn ein sehr konformes Verhalten auf, in dem freie, nicht auf gegenwärtige Studienaufgaben fixierte Reflexion abgeschnitten und in dem man das Selbstbewusstsein der künftigen Elite hat - man hält sich in edlen, sauberen, schicken Räumlichkeiten auf. Die "Angebote" auf dem Campus (Mensa, Cafés, Unternehmensvorstellungen) entsprechen dem, es sind schicke, teure Einrichtungen mit adrett gekleidetem, überfreundlichem Personal. Wer zielorientiert und mit der Karriere im Blick studiert, wird hier überall bestätigt.
Diese subjektiven Momente - Konformität, elitäres Selbstbewusstsein, Studium als aufgabenorientierte, fleißiger Arbeitseinsatz - kann ich am besten als einen bestimmten Geist fassen.
Ich würde das als Ideologie bezeichnen. Die Leute sollen durch die Gestaltung ihrer Ausbildungsstätte darauf hingewiesen werden, dass sie in einer Leistungsgesellschaft zur Elite gehören sollen, nicht zu einem Menschen, der sein Wissen und seine Erkenntnisse fortbilden sollte. Mit Ästhetik hat das höchstens so viel zu tun, dass durch Architektur und Stil der Angebote natürlich auch auf die Selbstwahrnehmung eingewirkt wird, etwa so, wie sich jemand in Uniform natürlich auch herausgehoben aus seiner Individualität fühlt, um seinem objektiven Zweck zu gehorchen. Aber nicht Kritik der Ästhetik, also der Wahrnehmungsform selbst, ist hier angesagt, sondern die der Ideologie, welche auf die Selbstwahrnehmung natürlich auch wirken soll. Es ist oft schwer, dies zu unterscheiden.
Emanuel hat geschrieben:
Ich hätte jedoch noch eine Frage zu Deinem "Sinn"-Begriff, da ich mir nicht so wirklich etwas darunter vorstellen kann. Meinst Du Sinn in dem Kontext, wie ihn wohl auch Adorno versteht, nämlich dass Produktion nur auf Abstraktes abzielt und dadurch den Sinnbezug auf die Produktion wie auf das Produkt auslöscht? Und dass auch die Menschen einander nur das Abstrakte verkörpern, das sie voneinander erhalten können - was wieder den Sinn füreinander auslöscht?
Ich verstehe dich da nicht ganz. Ich denke nicht, dass Produktion auf etwas Abstraktes abzielt oder dass Menschen nur Abstraktes verkörpern können. Die Produktion zielt auf ganz praktische und in dieser Hinsicht auch konkrete Bedürfnisse ab, wie auch die Menschen immer zugleich sehr konkrete Beziehungen haben, wenn sie zugleich der Abstraktion einer Formbestimmung folgen müssen. Das halte ich auch für einen der Fehler von Adorno, dass er die Begrifflichkeit von Abstraktion selbst zu einem Argument macht. Es geht um die Formbestimmung der Produktion und der zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich aus dem gesellschaftlichen Mangel in ihrer Wirklichkeit gegen die Inhalte dieser Verhältnisse stellt. Es ist die Dialektik von Form und Inhalt, in welcher sich die kapitalistischen Verhältnisse verkehren, nicht ihre Inhalte selbst. Von daher spricht Marx auch über den Widerspruch von Produktivkraft und Produktionsverhältnis, welcher ökonomisch als Widerspruch von gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung verläuft.
Emanuel hat geschrieben:
Würdest Du folgenden Beispielen für Sinn zustimmen, oder meinst Du damit etwas anderes:
Sinn für das Produkt: Schönheit, Ausdruck innerer Bewegtheit, angenehme Atmosphäre. Stünde dem Sinn des Produkts seine Nützlichkeit (zum Beispiel das Wohnen) entgegen, oder ist diese nicht im Sinn mitinbegriffen?
Sinn der Menschen füreinander: Freundschaft, Liebe, gemeinsames Interesse.
Inwieweit Produkte nützlich sein müssen oder ästhetisch, ist lediglich eine Frage des theoretischen Standpunkts. Dies ergibt keinen ausdrücklichen Gegensatz, aber allerlei Unterscheidung. Für den Wirtschaftswissenschaftler müssen die Produkte vor allem nützlich sein; für den Kulturwissenschaftler vor allem sinnvoll. Ästhetik halte ich allerdings schon für eine besondere Heraussetzung, für eine besondere Wahrnehmungsform, für eine reizvolle Wahrnehmung. Aber das ist natürlich eine Frage der sprachlichen Stimmigkeit selbst, wenn das zu diskutieren wäre.
Emanuel hat geschrieben:
Hast Du Deine Bemerkung, wonach der Sinn die Art und Weise der Beziehung nach der Sinngebung an die Produkte ist, so gemeint, dass der Sinn der Beziehung in der Produktion gründet?
Nein. Die Produktion selbst ist sinnvoll oder überflüssig und unterstellt immer ein menschliches Bedürfnis, selbst wenn das auch manchmal selbst deformiert ist. Bei allem sind Menschen unterstellt, weil es ohne ihren Bedarf auch keinen Tausch und also keinen Wert der Produkte geben kann. Ich habe ganz im Gegenteil geschrieben: "Wo sie (die Menschen) keinen Sinn mehr in ihren Produkten verwirklichen, haben sie auch keinen Sinn mehr für einander." Das meint, wo die Wertform ihrer Produkte, also die Geldform, sich ihrem Sinn widersetzt (z.B. als Kapital), da werden sie für den Menschen in der Beziehung auf sie selbst gleichgültig. Und wenn sich Menschen hierauf gleichgültig beziehen, kann es für sie auch untereinander keine wirklich gegenständliche Beziehung geben, also keine Beziehung, in der sie einen wirklichen Sinn füreinander haben. Sie müssen sich dann selbst als Sinn ihrer zwischenmenschlichen Beziehung bieten und gestalten.